Betriebliche Handlungsfelder und Handlungshilfen für den Arbeitsplatz

Jede Tätigkeit kann mit psychischen Belastungen einhergehen. So sind auch in der Arbeitswelt psychische Belastungen normale Begleiterscheinungen der Arbeit.

Psychische Belastunge - Grundlagenwissen für Betriebsräte

Nach der DIN EN 10075-1 Norm “Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer  Arbeitsbelastung” werden psychische Belastungen als “die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken” definiert. Sie können sich aus

  • der Arbeitsaufgabe,
  • der Arbeitsumgebung,
  • der Arbeitsorganisation,
  • psychosozialen Rahmenbedingungen (Mensch-Mensch-Schnittstelle) und
  • weiteren betrieblichen Rahmenbedingungen

ergeben.

Die psychischen Belastungen können als Belastungen oder als Herausforderungen empfunden werden. Werden sie als Herausforderung wahrgenommen, können sie positiven Folgen, wie z.B. Anregungs-, Lern- oder Trainingseffekte haben.
Werden sie als belastend wahrgenommen, haben sie negative Folgen. Diese können sich körperlich, psychische oder verhaltensbezogen äußeren. Folgen sind z. B. Bluthochdruck, Empfinden von Monotonie, oder riskantes Verhalten oder Suchtmittelmissbrauch.

Am Arbeitsplatz steigen die psychische Belastungen  überproportional:

  • 53,5 Millionen Ausfalltage durch psychische Verhaltensstörungen in 2010
  • Versicherungsschaden 12,5 Mrd. €  / Jahr
  • Volkswirtschaftlicher Schaden 225 Mrd. € /Jahr (= 9% des BSP)
  • Unternehmensschaden  130 Mrd. € pro Jahr

Deshalb ist es für Betriebsräte umso wichtiger aktiv zu werden und sich mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz auseinander zu setzen.

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Psychische Belastungen am Arbeitsplatz

Lernen Sie jetzt mehr über die Ursachen und Auswirkungen auf Betroffene und Betriebe. Wir vermitteln Ihnen die Grundlagen zum Thema „psychische Belastungen“ sowie alles wichtige über die Bestandsaufnahme und die konkreten Handlungsmöglichkeiten!

Basiswissen - Psychische Belastungen in der Arbeitswelt

Wie die vielfältigen mit der Arbeit einhergehenden Belastungen entstehen und welche Auswirkungen sie haben, lässt sich z. B. mit Hilfe eines Belastungs-Beanspruchungs-Modells darstellen.

Quelle: Erkennen psychischer Belastungen in der Arbeitswelt – ein Leitfaden für Aufsichtspersonen der gewerblichen Berufsgenossenschaften, 2004, Seite 9)

In der folgenden Tabelle sind weitere mögliche Folgen psychischer Belastungen bezüglich ihrer körperlichen, psychischen und verhaltensbezogenen Wirkungen dargestellt.

Quelle: Erkennen psychischer Belastungen in der Arbeitswelt – ein Leitfaden für Aufsichtspersonen der gewerblichen Berufsgenossenschaften, 2004, Seite 19)

Mögliche Vorteile sind:

  1. Der Betrieb kann seine Ausfallzeiten/Zeiten der Arbeitsunfähigkeit reduzieren.
  2. Die betrieblichen Abläufe funktionieren reibungsloser, d. h. die Reibungsverluste im Betrieb werden minimiert und damit die Produktivität erhöht.
  3. Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen kann gesteigert werden, was auch die Zufriedenheit seiner Kunden verbessert (Reduzierung von Reklamationen).
  4. Er muss keine Vertretungen unter hohem Zeit- und Kostenaufwand organisieren und in den Betrieb eingliedern.
  5. Wenn er mit allen seinen Mitarbeitern rechnen kann, ermöglicht das dem Betrieb besser auf neue Aufgaben zu reagieren.
  6. Ein gesundes Betriebsklima bindet die Mitarbeiter an das Unternehmen, weil sie zufriedener sind. Damit entfällt ein kosten- und zeitintensiver Aufwand zum Ausgleich von Fluktuationen von Mitarbeitern.
  7. Gesunde und zufriedene Mitarbeiter sind handlungsfähiger, motivierter und kreativer. Das kommt dem Unternehmen direkt zu Gute.
  8. Nicht zuletzt genießt ein gesunder Betrieb ein besseres Image.

Es werden 3 Formen unterschieden:

  1. Stress,
  2. Psychische Ermüdung,
  3. Ermüdungsähnliche Zustände,
    1. Monotonie,
    2. Herabgesetzte Wachsamkeit (Vigilanz),
    3. Psychische Sättigung

1. Stress

Stress ist ein subjektiver Zustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark abgelehnte, zeitlich nahe und subjektiv lang andauernde Situation wahrscheinlich nicht vermieden werden kann. Dabei erwartet die Person, dass sie nicht in der Lage ist, die Situation zu beeinflussen oder durch Einsatz von (eigenen) Ressourcen zu bewältigen.Das führt zu einem „Ungleichgewicht von Anforderung und verfügbaren Mitteln, um sie zu bewältigen. Körper und Geist reagieren darauf mit der Bereitstellung eines Höchstmaßes an Energie, je nachdem wie der auslösende Stressor und die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten in der Stresssituation bewertet wird. … Chronischer Stress führt zu körperlichen oder seelischen Erkrankungen.“

2. Psychische Ermüdung

Psychische ERmüdung ist die „vorübergehende Beeiträchtigung“ der körperlichen und/oder psychischen Leistungsfühigkeit.  „Die Betroffenen müssen sich immer mehr anstrengen, um die geforderte Leistung zu erbringen. Sie fühlen sich müde und erschöpft. Fehler nehmen zu und die Qualität der Arbeit leidet darunter. Ermüdung entsteht bspw. durch überlange Arbeitszeiten, Nacht- und Schichtarbeit und zu wenig Pausen. Auch hoher Verantwortungsdruck und Informationsüberflutung kann dazu führen. Wenn sich Belastung und Erholung über längere Zeit nicht die Waage halten, kommt es zu chronischer Ermüdung. Wer ständig am Rand der Erschöpfung lebt, riskiert ernsthaft und chronisch krank zu werden.“
Je nach Ermüdung verändert sich Leistung und Befinden.

Quelle: baua, Stress, psychische Ermüdung, Monotonie, psychiosche Sättigung, G. Richter, Seite 6


Gegenstrategien zur Verminderung der Ermüdung:

  • Die Intensität und Dauer der Arbeitsbelastung reduzieren
  • Die Verteilung der Arbeitszeit z.B. durch die Einführung von Kurzpausen verändern. Mehrarbeit bzw. Überstunden durch Freizeitausgleich kompensieren.
  • Nacht- und Schichtarbeit nach arbeitswissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen gestalten

3. Ermüdungsähnliche Zustände

Darunter leiden Menschen, die abwechslungsarme Tätigkeiten ausführen. Die o. g. Norm unterscheidet drei Arten:

  1. Monotonie
  2. herabgesetzte Wachsamkeit und
  3. psychische Sättigung.

3.1. Monotonie


„Der Zustand der Monotonie entsteht durch langandauernde, einförmige und sich wiederholende Arbeitsaufgaben. Das menschliche Arbeitsvermögen ist qualitativ unterfordert. Monotonie geht häufig mit Schläfrigkeit, Müdigkeit, Leistungsabfall und -schwankungen einher.“ (DIN 33405)

Beispiele für Gegenmaßnahmen:

  • Mehr Abwechslung in die Tätigkeit bringen (z. B. durch Job Rotation)
  • Arbeitsinhalte erweitern (z. B. durch „Job Enlargement“) oder anreichern (z.B. durch „Job Enrichment“)
  • Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten der Beschäftigten fördern
  • Arbeitsumgebung ergonomisch gestalten“


Quelle: baua, Stress, psychische Ermüdung, Monotonie, psychiosche Sättigung, G. Richter, Seite 9

3.2. Herabgesetzte Wachsamkeit (Vigilanz)
„Sie tritt vorwiegend bei abwechslungsarmen Beobachtungstätigkeiten (z. B. Anlagenüberwachung) auf. Je länger diese Arbeit dauert und je seltener aktive Eingriffe verlangt werden, desto massiver entsteht dieser Zustand.


Beispiele für Gegenmaßnahmen:

  • Passive Beobachtungstätigkeiten zeitlich begrenzen
  • Erholungspausen einführen oder andere Aufgaben zuteilen, die Aktivität erfordern
  • Technische Arbeitmittel ergonomisch gestalten

3.3. Psychische Sättigung


Dies kennzeichnet einen Zustand der Nervosität und Unruhe sowie der Ablehnung einer sich wiederholenden Tätigkeit oder Situation. Es herrscht das Gefühl des „Auf-der-Stelle-Tretens“ oder des „Nicht-weiter-Kommens“. Weitere Symptome sind Empfindungen von Ärger und Überdruss sowie die Tendenz sich zurückzuziehen. Deutlicher Leistungsabfall ist die Folge.

Beispiele für Gegenmaßnahmen:

  • Möglichkeiten zur Rückmeldung über die geleistete Arbeit schaffen
  • Transparenz in den Arbeitsablauf bringen, um so das Bewusstsein für den Sinn der eigenen Tätigkeit im Gesamtzusammenhang zu stärken
  • Für mehr Chancen zu Mitsprache und Beteiligung der Beschäftigten sorgen

Erfahren Sie in unserem Seminar Psychische Belastungen am Arbeitsplatz mehr zu den Folgen für Betroffene, die Bestandsaufnahme durch den Betriebsrat sowie seine konkreten Handlungsmöglichkeiten! Hier geht es zum Angebot!

Falls Sie in Ihrem Betrieb bereits auf Widerstand gestoßen sind oder dort die Meinung vertreten wird, dass eine Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz nicht notwendig sei, haben wir Ihnen hier ein paar praktische Empfehlungen zum Umgang zusammengestellt:




Praktische Vorgehensweise der gewerblichen Berufsgenossenschaften im Betrieb

Die Nationale Arbeitsschutzkonferenz (Berlin 2012) hat mögliche Quellen fü psychische Belastungen am Arbeitsplatz identifiziert:

1.         Merkmalsbereich: Arbeitsinhalt             und ArbeitsaufgabeMögliche kritische Ausprägung
1.1 Vollständigkeit der Aufgabe Tätigkeit enthält:
•    nur vorbereitende oder
•    nur ausführende oder
•    nur kontrollierende Handlungen
1.2 Handlungsspielraum Der/die Beschäftigte hat keinen Einfluss auf:
•    Arbeitsinhalt
•    Arbeitspensum
•    Arbeitsmethoden/-verfahren
•    Reihenfolge der Tätigkeiten
1.3 Variabilität (Abwechslungsreichtum) Einseitige Anforderungen:
•    wenige, ähnliche Arbeitsgegenstände und Arbeitsmittel
•    häufige Wiederholung gleichartiger Handlungen in kurzen Takten
1.4 Information/Informationsangebot •    zu umfangreich (Reizüberflutung)
•    zu gering (lange Zeiten ohne neue Information)
•    ungünstig dargeboten
•    lückenhaft (wichtige Informationen fehlen)
1.5 Verantwortung •    unklare Kompetenzen und Verantwortlichkeiten
1.6 Qualifikation •    Tätigkeiten entsprechen nicht der Qualifikation der Beschäftigten (Über-/Unterforderung)
•    unzureichende Einweisung/Einarbeitung in die Tätigkeit 
1.7 Emotionale Inanspruchnahme •    durch das Erleben emotional stark berührender Ereignisse (z. B. Umgang mit schwerer Krankheit, Unfällen, Tod)
•    durch das ständige Eingehen auf die Bedürfnisse anderer Menschen (z. B. auf Kunden, Patienten, Schüler)
•    durch permanentes Zeigen geforderter Emotionen unabhängig von eigenen Empfindungen
•    Bedrohung durch Gewalt durch andere Personen (z. B. Kunden, Patienten)
2. Merkmalsbereich: ArbeitsorganisationMögliche kritische Ausprägung
2.1 Arbeitszeit•    wechselnde oder lange Arbeitszeit
•    ungünstig gestaltete Schichtarbeit, häufige Nachtarbeit
•    umfangreiche Überstunden
•    unzureichendes Pausenregime
•    Arbeit auf Abruf
2.2 Arbeitsablauf•    Zeitdruck/hohe Arbeitsintensität
•    häufige Störungen/Unterbrechungen
•    hohe Taktbindung
2.3 Kommunikation/Kooperation•    isolierter Einzelarbeitsplatz
•    keine oder geringe Möglichkeit der Unterstützung durch Vorgesetzte oder Kollegen
•    keine klar definierten Verantwortungsbereiche
3. Merkmalsbereich: Soziale BeziehungenMögliche kritische Ausprägung
3.1 Kollegen•    zu geringe/zu hohe Zahl sozialer Kontakte
•    häufige Streitigkeiten und Konflikte
•    Art der Konflikte: soziale Drucksituationen
•    fehlende soziale Unterstützung
3.2 Vorgesetzte•    keine Qualifizierung der Führungskräfte
•    fehlendes Feedback, fehlende Anerkennung für erbrachte Leistungen
•    fehlende Führung, fehlende Unterstützung im Bedarfsfall
4. Merkmalsbereich: ArbeitsumgebungBeispiele für negative Wirkungen
4.1 Physikalische und chemische Faktoren•    Lärm/Beleuchtung/Gefahrstoffe
4.2 Physische Faktoren•    ungünstige ergonomische Gestaltung
•    schwere körperliche Arbeit
4.3 Arbeitsplatz und Informationsgestaltung•    ungünstige Arbeitsräume, räumliche Enge
•    unzureichende Gestaltung von Signalen und Hinweisen
4.4 Arbeitsmittel•    fehlendes oder ungeeignetes Werkzeug bzw. Arbeitsmittel
•    ungünstige Bedienung oder Einrichtung von Maschinen
•    unzureichende Softwaregestaltung

Die Reaktionen auf Überlastung und Stress sind sehr unterschiedlich. Die Strategien reichen von Standhalten über Flüchten bis zum Abfinden. Die folgende Tabelle gibt Beispiele für dies typischen Strategien:


Einen Überblick über die Erkenntnise zur Stressfoschung erhalten Sie auf der ergo-online-Seite und dem folgenden Link.

Quelle: http://www.ergo-online.de/html/gesundheitsvorsorge/vorsorge_stress/stressbewaeltigung_im_arbeits.html

Positive Veränderungen lassen sich bei psychischen Belastungen in der Arbeitswelt in folgenden Handlungsfeldern erzielen: 

  • Veränderung der Führungsphilosophie
  • Veränderung von Aufgaben und Tätigkeiten
  • Veränderung der Arbeitsmittel
  • Veränderung der Arbeitsumgebung
  • Veränderung der Arbeitsorganisation
  • Veränderung der zeitlichen Organisation der Arbeit

Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastungen:

Zur Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen für psychische Belastungen haben wir einen praxisnahen Vortrag erarbeitet. Dieser geht Schritt für Schritt die Erstellung der Gefährdungsbeurteilung an einem Beispiel durch und berücksichtigt dabei die Corona-Pandemie.

Hilfreiche Quellen:

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